Die Sonette an Orpheus

Rainer Maria Rilke

I. XIX

Wandelt sich rasch auch die Welt
wie Wolkengestalten,
alles Vollendete fällt
heim zum Uralten.

Über dem Wandel und Gang,
weiter und freier,
währt noch dein Vor-Gesang,
Gott mit der Leier.

Nicht sind die Leiden erkannt,
nicht ist die Liebe gelernt,
und was im Tod uns entfernt,

ist nicht entschleiert.
Einzig das Lied überm Land
heiligt und feiert.

I. XXV

Dich aber will ich nun, dich, die ich kannte
wie eine Blume, von der ich den Namen nicht weiß,
noch ein Mal erinnern und ihnen zeigen, Entwandte,
schöne Gespielin des unüberwindlichen Schrei’s.

Tänzerin erst, die plötzlich, den Körper voll Zögern,
anhielt, als göß man ihr Jungsein in Erz;
trauernd und lauschend –. Da, von den hohen Vermögern
fiel ihr Musik in das veränderte Herz.


Nah war die Krankheit. Schon von den Schatten bemächtigt,
drängte verdunkelt das Blut, doch, wie flüchtig verdächtigt,
trieb es in seinen natürlichen Frühling hervor.

Wieder und wieder, von Dunkel und Sturz unterbrochen,
glänzte es irdisch. Bis es nach schrecklichem Pochen
trat in das trostlos offene Tor.

II. IV

O dieses ist das Tier, das es nicht gibt.
Sie wußtens nicht und habens jeden Falls
– sein Wandeln, seine Haltung, seinen Hals,
bis in des stillen Blickes Licht – geliebt.

Zwar war es nicht. Doch weil sie’s liebten, ward
ein reines Tier. Sie ließen immer Raum.
Und in dem Raume, klar und ausgespart,
erhob es leicht sein Haupt und brauchte kaum

zu sein. Sie nährten es mit keinem Korn,
nur immer mit der Möglichkeit, es sei.
Und die gab solche Stärke an das Tier,

daß es aus sich ein Stirnhorn trieb. Ein Horn.
Zu einer Jungfrau kam es weiß herbei –
und war im Silber-Spiegel und in ihr.

I. I

Da stieg ein Baum. O reine Übersteigung!
O Orpheus singt! O hoher Baum im Ohr!
Und alles schwieg. Doch selbst in der Verschweigung
ging neuer Anfang, Wink und Wandlung vor.

Tiere aus Stille drangen aus dem klaren
gelösten Wald von Lager und Genist;
und da ergab sich, daß sie nicht aus List
und nicht aus Angst in sich so leise waren,

sondern aus Hören. Brüllen, Schrei, Geröhr
schien klein in ihren Herzen. Und wo eben
kaum eine Hütte war, dies zu empfangen,

ein Unterschlupf aus dunkelstem Verlangen
mit einem Zugang, dessen Pfosten beben,
da schufst du ihnen Tempel im Gehör.

I. V

Errichtet keinen Denkstein. Laßt die Rose
nur jedes Jahr zu seinen Gunsten blühn.
Denn Orpheus ists. Seine Metamorphose
in dem und dem. Wir sollen uns nicht mühn

um andre Namen. Ein für alle Male
ists Orpheus, wenn es singt. Er kommt und geht.
Ists nicht schon viel, wenn er die Rosenschale
um ein paar Tage manchmal übersteht?

O wie er schwinden muß, daß ihrs begrifft!
Und wenn ihm selbst auch bangte, daß er schwände.
Indem sein Wort das Hiersein übertrifft,

ist er schon dort, wohin ihrs nicht begleitet.
Der Leier Gitter zwängt ihm nicht die Hände.
Und er gehorcht, indem er überschreitet.

The Sonnets to Orpheus

translated by Leslie Norris and Alan Keele

I. XIX

Even if the world should turn
fast as clouds are parted,
all perfected things return
back where they started.

Higher than change or motion,
wider and freer,
still sounds your primal song,
God with the lyre.

Sorrow we don’t understand,
Love is a thing not learned,
what Death has burdened

us with is still mysterious.
Song only, over the land,
blesses and saves us.

I. XXV

Now it is you, it is you, whom I knew like
a nameless flower, that I’ll remember this time,
and I’ll tell them about you, how something took
you away, beautiful playmate for the indelible scream.

A dancer first, her body halted, caught there
as if her youth were cast in sculptor’s metal;
grieving, listening –. Then, from the great Makers,
into her transformed heart such music fell.


The illness was at hand. Shadowed and thick
the dark blood pulsed for a moment; then in quick
and clear returned to its bright nature.

Again and again, the thick black clots gushed back,
blood dark as earth. Wildly it shook heart’s sack,
and then it entered the unrelenting door.

II. IV

Well, here it is, the creature that is not.
They didn’t know it was not; in any case
– its neck, its bearing, and its simple grace,
even the calm light of its eyes – they loved it.

True, it never was. But since they loved it,
the pure creature was. They had room ready.
And in that space, open and uncluttered,
it meekly lifted up its head, scarcely

needed to be. They didn’t feed it corn,
but with the constant possibility
of being. This gave the beast such power

it grew from its own head a horn. One horn.
Then to a virgin whitely walked, to be
within the silver mirror, and in her.

I. I

A tree was there. O pure and higher growing!
O Orpheus sings! O tall tree in the ear!
And all fell still. Yet even in the unknowing
a new start grew, signal, an atmosphere.

Beasts of the silence moved out of the clearing,
leaving behind their nests, their dens and lairs;
Their quietness was not born of their fears
nor did their calmness come from inborn cunning,

but from their listening. Their growls, their simple
voices, stayed in their hearts. Where there had been
nothing to hold their worship, no rough hut,

no crude, instinctive cave of their own want,
its roof held up by timber, shaken, green, –
You have built up for their true ears a temple.

I. V

Erect no monument. Allow the rose
to breathe each year the fragrance of his fame.
For it is Orpheus. His metamorphosis
is here and there. We have no other name

which can concern us. For once and for all time
it’s Orpheus when there’s song. He comes and goes.
Isn’t it enough that he from time to time
stays longer than the perfume of a rose?

So he must vanish that you’ll understand!
Although he fears that he might go forever.
But as his word surmounts our time and land

he has already gone beyond your fever.
The lyre’s prison cannot hold his hand.
And he obeys simply by stepping over.